Es ist Nacht. Sechs Stunden Reise hat Katharina Mörz-Heissenberger bereits hinter sich. Angespannt sitzt sie auf der Rückbank eines indischen Taxis. An Schlafen ist auf dem Weg von Ahmedabad nach Mundra nicht zu denken. Der Fahrer des Wagens kann seine Augen kaum offen halten. Immer wieder fallen sie für einige Sekunden zu. Katharinas Unbehagen wächst. Sie bittet ihren Fahrer, am Straßenrand stehen zu bleiben, aber davon hält er nichts. „That’s not our company policy“ sagt er.

Reisen und nie ankommen

Richtung Süden, Marokko, 2018
Saline La Fortuna, Spanien 2016

„Gehört es zu Ihrer Unternehmenspolitik am Steuer einzuschlafen?“ Katharinas Ton drückt die Ernsthaftigkeit der Lage aus. Ein paar Meter weiter kommt der Fahrer schließlich zur Vernunft und parkt den Wagen irgendwo im Nirgendwo. Draußen herrscht vollkommene Stille, nur ein paar Hunde streunen umher. Zwei Stunden lässt sie den Mann schlafen, ehe es weiter durch die Nacht in Richtung Hafen geht. Es gilt eine wertvolle Fracht zu verladen. Natursteine, die man über Tage in dieser einsamen Gegend gesucht hatte.

„Das Leben ist entweder ein wagemutiges Abenteuer oder Nichts.“

Mit diesen Worten von Helen Keller antwortet Katharina Mörz-Heissenberger, wenn man sie danach fragt, ob sie auf ihren Reisen denn nicht auch hin und wieder Angst hätte. Als allein reisende Frau, in einem fremden Land, im Zug mit Hühnern, Ziegen und allerlei Getier wäre Angst mehr als verständlich. Aber Katharina liebt das Abenteuer, die Einsamkeit, die staubigen Straßen, die Lichter der fremden Großstädte und die leuchtenden Augen der Menschen, mit denen sie sich auf die Suche nach perfekten Steinen macht.

Leidenschaft, die verbindet

Es sind unwirkliche Orte, an denen sie sich am wohlsten fühlt. Vielleicht ist es die ruhige Ästhetik der Einsamkeit, die Schönheit des Kargen und die stillschweigende Verbindung mit den Menschen, deren Sprache sie nicht immer versteht und noch weniger spricht. Die Liebe für den Stein und die bedingungslose Suche nach Perfektion verbindet. Auch über sprachliche Barrieren hinweg. Allen ist klar, dass sich das Besondere erst offenbart, wenn man Unbequemes in Kauf nimmt und Umweg gegangen ist. Der Lohn, den man erhält, ist dafür umso schöner. Wie ein Juwel werden die Steine von allen Seiten begutachtet. Wenn auch nur eine Winzigkeit nicht in Ordnung ist, geht die Suche weiter. „Europäische Kunden verzeihen keinen Fehler“, sagt Katharina Mörz-Heissenberger. „Nicht beim Stein und schon gar nicht bei den Menschen, die ihn bearbeiten.“ Deshalb werden bei der Qualitätskontrolle vor Ort auch keine Kompromisse gemacht. Mangelhafte Ware ist unverkäuflich, der Schaden für alle Beteiligten groß. Das wäre unverantwortlich. Perfektion und Leidenschaft liegen eben eng beieinander. Das eine ist ohne das andere nichts.

Die Makellosigkeit der Steine ist also alles andere als ein Zufall. Es ist harte Arbeit und es sind Tage der Entbehrungen. Erst wenn die Steine in aller Behutsamkeit auf das Schiff in Richtung Europa verladen sind, lässt die Anspannung nach. Dann ist es Zeit, die Reise und die Schönheit der Natur zu zelebrieren. Vergessen sind die unzähligen Schlaglöcher, der Staub, der Durst und die einfachen Schlafgelegenheiten, auf denen man die Nacht verbracht hatte.

„Reisen macht bescheiden und wach, denn man erkennt wie klein die eigene Welt doch ist“

sagt Katharina Mörz-Heissenberger und macht damit unmissverständlich klar, dass sie ohne diese besonderen Herausforderungen des Lebens nicht sein kann. Die Kunst des Sesshaftwerdens besteht darin, aus all den Identitäten, Erfahrungen und Eindrücken, die sich über die Zeit angesammelt haben, ein funktionierendes Ganzes zu machen. Eines, in dem man sich selbst wiedererkennt. Wem das gelingt, dem fällt es auch leicht wieder aufzubrechen.

Steinbruch Leiria, 2012
Tamil Nadu, 2008
Sinai, 2014
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